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Georg Ferdinand Ludwig Philipp Cantor (1845-1918)

G. Cantor 1902

Georg Cantor ist der bedeutendste Mathematiker, der jemals an der Universität Halle gewirkt hat. Hier entstanden seine fundamentalen Arbeiten zur Mengenlehre, die die gesamte Mathematik außerordentlich befruchteten.

Auf wissenschaftsorganisatorischem Gebiet erwarb er sich große Verdienste durch die Gündung der Deutschen Mathematiker-Vereinigung, deren erster Vorsitzender er war, und durch sein Bemühen um die Einrichtung von internationalen Mathematikerkongressen.

Das Foto entstand etwa 1902.

  1. Stationen aus dem Leben
  2. Schriftenverzeichnis
  3. In Halle auf Cantors Spuren
  4. Abbildungen
  5. Literatur

1. Stationen aus dem Leben

03.03.1845Geburt in St. Petersburg, Besuch der Elementarschule in St. Petersburg
1856 Übersiedlung der Familie Cantor nach Wiesbaden und anschließend nach Frankfurt am Main; Besuch des Gymnasiums in Wiesbaden; kurzzeitiger Besuch einer Privatschule in Frankfurt am Main
1859 Besuch der Großherzoglich Hessischen Realschule in Darmstadt (bis September 1860), im Anschluß Besuch des allgemeinen Kursus der Großherzoglich Höheren Gewerbeschule in Darmstadt
1862 Reifeprüfung
1862-67 Studium der Mathematik in Zürich, Berlin, Göttingen, Berlin (Vorlesungen u. a. bei K. Weierstrass, E. E. Kummer, L. Kronecker), Magisterexamen
1867 Promotion (bei Ernst E. Kummer) an der Universität Berlin mit der Dissertation: "De aequationibus secundi gradus indeterminatis"
1868 Mathematik-Lehrer am Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Berlin
1869 Habilitation an der Universität Halle mit der Schrift: "De transformatione formarum ternarium quadricarum" (Gutachten von Eduard Heine); Privatdozent am Mathematischen Seminar der Philosophischen Fakultät der Universität Halle
1869 Ernennung zum Mitglied der Naturforschenden Gesellschaft zu Halle
1872 Ernennung zum Extraordinarius an der Universität Halle; Arbeiten zu trigonometrischen Reihen
1874 Heirat mit Vally Guttmann;
erste Veröffentlichung zur Mengenlehre: "Über eine Eigenschaft des Inbegriffs aller reellen algebraischen Zahlen"
1878 Wahl zum korrespondierenden Mitglied der Göttinger Sozietät der Wissenschaften
1879 Berufung zum Ordinarius an die Universität Halle
1879-84 Erscheinen der Hauptarbeiten G. Cantors zur Begründung der Mengenlehre, darunter insbesondere die Artikelfolge "Über unendliche lineare Punktmannigfaltigkeiten"
1884 Beginn der literaturhistorischen Arbeiten zur Shakespeare-Bacon-Theorie sowie der philosophisch-theologischen Arbeiten;
erster Ausbruch seiner Krankheit
1889 Aufnahme als Mitglied in die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina;
Heidelberger Aufruf zur Gründung der Deutschen Mathematiker-Vereinigung unter Beteiligung von Georg Cantor
1890 Gründung der Deutschen Mathematiker-Vereinigung, mit G. Cantor als ihrem ersten Vorsitzenden
1895-97 Veröffentlichung der "Beiträge zur Begründung der transfiniten Mengenlehre"
1901 Ernennung zum Ehrenmitglied der London Mathematical Society und der Charkower Mathematischen Gesellschaft
1902 Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Christiana Oslo
1907 Ernennung zum Ehrenmitglied des Mathematischen Vereins der Vereinigten Friedrichs-Universität Halle-Wittenberg
1911 Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität St. Andrews
1913 Emeritierung
6.1.1918 Tod in Halle

2. Schriftenverzeichnis

  • De aequationibus secundi gradus indeterminatis.
    Diss. Phil. Berlin 1867
  • Über einfache Zahlensysteme.
    Zeitschrift für Math. und Physik 14(1869), 121-128
  • De transformatione formarum ternarium quadricarum.
    Habilitationsschrift Halle 1869
  • Über einen die trigonometrischen Reihen betreffenden Lehrsatz.
    Journal f. reine und angew. Math. 72(1870), 130-138
  • Beweis, daß eine für jeden reellen Wert von x durch eine trigonometrische Reihe gegebene Funktion f(x) sich nur auf eine einzige Weise in dieser Form darstellen läßt.
    Journal f. reine und angew. Math. 72(1870), 139-142
  • Über trigonometrische Reihen.
    Math. Annalen 4(1871), 139-143
  • Über die Ausdehnung eines Satzes aus der Theorie der trigonometrischen Reihen.
    Math. Annalen 5(1872), 123-132
  • Historische Notizen über die Wahrscheinlichkeitsrechnung.
    Sitzungsberichte der Naturforschenden Gesellschaft zu Halle 1873, 34-42
  • Über eine Eigenschaft des Inbegriffs aller reellen algebraischen Zahlen.
    Journal f. reine und angew. Math. 77(1874), 258-262
  • Ein Beitrag zur Mannigfaltigkeitslehre.
    Journal f. reine und angew. Math. 84(1878), 119-133
  • Über einen Satz aus der Theorie der stetigen Mannigfaltigkeiten.
    Göttinger Nachr. 1879, 127-135
  • Über ein neues und allgemeines Condensationsprinzip der Singularitäten von Funktionen.
    Math. Annalen 19(1882), 588-594
  • Über unendliche Punktmannigfaltigkeiten.
    Math. Annalen 15(1879), 1-7; 17(1880), 355-358; 20(1882), 113-121; 21(1883), 51-58 und 545-586; 23(1884), 453-488
  • Sur divers théorèmes de la théorie des ensembles de points situés dans un espace continu à n dimensions. (Première communication. Extrait d´une lettre adressée à l´éditeur)
    Acta Math. 2(1883), 409-414
  • De la puissance des ensembles parfaits des points. (Extrait d´une lettre adressée à l´éditeur)
    Acta Math. 4 (1884), 381-392
  • Über verschiedene Theoreme der Punktmengen in einem n-fach ausgedehnten stetigen Raume Gn. Zweite Mitteilung
    Acta Math. 7(1885), 105-124
  • Ludwig Scheeffer (Nekrolog).
    Bibliotheka mathematica 1(1885), 197-199
  • Rezension der Schrift von G. Frege "Die Grundlagen der Arithmetik".
    Dtsch. Lit. Ztg. 6(1885), 728-729
  • Über die verschiedenen Standpunkte in bezug auf das aktuale Unendliche.
    Zeitschr. für Philos. und philos. Kritik 88(1886), 224-233
  • Mitteilungen zur Lehre vom Transfiniten.
    Zeitschr. für Philos. und philos. Kritik 91(1887), 81-125; 92(1888), 240-265
  • Über eine elementare Frage der Mannigfaltigkeitslehre.
    Jahresber. der Dt. Math.-Verein. 1(1890/91), 75-78
  • Beiträge zur Begründung der transfiniten Mengenlehre.
    Math. Annalen 46(1895), 481-512; 49(1897), 207-246
  • Ressurrectio Divi Quirini Francisci Baconi Baronis de Verulam Vicecomitis Sancti Albani CCLXX annis post obitum eius IX die aprilis anni MDCXXVI.
    (Pro manuscripto.) Cura et impensis G. C. Halis Saxonum MDCCCXCVI (ed. G. C.)
  • Confessio fidei Francisci Baconi Baronis de Verulam ... cum versione latina a G. Rawley nunc denuo typis excusa cura et impensis G. C. Halis Saxonum
    MDCCCXCVI (ed. G. C.)
  • Die Rawleysche Sammlung von zweiunddreißig Trauergedichten auf Francis Bacon.
    Ein Zeugnis zugunsten der Bacon-Shakespeare-Theorie mit einem Vorwort herausgegeben von Georg Cantor, Halle 1897
  • Shakespearologie und Baconianismus ...
    Magazin für Literatur 69(1900), 196-203
  • Bemerkungen zur Mengenlehre.
    Jahresber. der Dt. Math.-Verein. 12(1903), 519
  • Ex oriente lux. Gespräche eines Meisters mit seinem Schüler über wesentliche Punkte des urkundlichen Christentums.
    Berichtet vom Schüler selbst Georg Jacob Aaron, cand. sacr. theol. Erstes Gespräch.
    Hrsg. von Georg Cantor, Halle 1905

3. In Halle auf Cantors Spuren

Von Berlin kommend kam Georg Cantor 1869 nach Halle, wo er bis zu seinem Tode 1918 lebte. 1885 baute er für seine Familie in der Händelstraße 13
1886 bezog Georg Cantor das von ihm erbaute Haus in der Händelstraße 13, die damals am Stadtrand von Halle lag. Das Haus ist noch heute im Familienbesitz.
ein recht großes Haus. Neben dem Eingang befindet sich eine Gedenktafel, die 1970 von A. Kertész (1929-1974) enthüllt wurde. Das Haus ist mit einer beliebigen Straßenbahn, die vom zentral gelegenen Markt zum Reileck fährt, leicht zu erreichen.

Von Cantors Wohnhaus führt ein kurzer Spaziergang von 10-15 Minuten, vorbei an der Lutherlinde, zu dem kleinen Fiedhof Giebichenstein in der Friedensstraße. Dort ist Cantors Grabstein aufgestellt, begraben allerdings ist er hier nicht. Sein Grab befand sich auf einem nahe gelegenen Friedhof, den es heute aber nicht mehr gibt. Auf dem Grabstein (Abb. unten) sind die Lebensdaten von Georg Cantor, seiner Frau Vally, einiger seiner Kinder und einiger weiterer Verwandter eingemeißelt.

Im Zentrum der Stadt ist am Universitätsplatz das Melanchthonianum eines der markantesten Gebäude (Abb. unten) . Über viele Jahrzehnte hatte die Mathematik hier ihren Hauptsitz. Der Hörsaal A, in dem Cantor viele seiner Vorlesungen gehalten hat, trägt heute seinen Namen. Gegenüber vom Melanchthonianum ist das sehr schöne Hauptgebäude der Universität mit den berühmten zwei Löwen am Eingang. Dort im zweiten Stock stand lange Zeit eine Marmorbüste von Cantor. Diese Büste
Die Mamorbüste wurde von dem Bildhauer W. Lobach geschaffen.
wurde 1915 aus Anlaß seines 70. Geburtstages aufgestellt, das nötige Geld wurde von Mathematikern in Deutschland, Österreich und Ungarn gesammelt. Leider wurden vor einigen Jahren aus Sicherheitsgründen sämtliche dort stehenden Büsten entfernt.

In Halle-Neustadt, einem noch neuen Stadtteil von Halle, befindet sich ein Bronzedenkmal, das vier bekannten Wissenschaftlern gewidmet ist, die alle in Halle gewirkt haben: dem Arzt Georg Ernst Stahl (1660-1734), dem Archäologen Fiedrich August Wolf (1759-1829), dem Romanisten Victor Klemperer (1881-1960) und dem Mathematiker Georg Cantor. Das Denkmal wurde von G. Geyer geschaffen und 1972 feierlich eingeweiht. Die G. Cantor gewidmete Platte (Abb. unten) wurde von A. Kertész entworfen. Es steht an der Nietlebener Straße im Bildungszentrum; man erreicht es mit einer der Straßenbahnen, die nach Neustad fahren.

Seit Oktober 1994 hat die Mathematik nahe der Heide ein schönes neues Gebäude mit sehr guten Arbeitsmöglichkeiten. Zu Ehren des größten halleschen Mathematikers wurde es Georg-Cantor-Haus genannt. Ebenfalls den Namen Georg Cantor trägt übrigens das mathematisch-naturwissenschaftlich orientierte Gymnasium in Halle-Neustadt Muldestraße 3.


4. Abbildungen

Diese Bleistiftzeichnung wurde von Georg Cantor 1862 angefertigt.
Georg Cantor in späteren Jahren
Dieses Foto zeigt eine Georg Cantor gewidmete Reliefplastik. Sie ist ein Teil des von G. Geyer 1972 geschaffenen Gelehrten-Denkmals in Halle-Neustadt. Der Entwurf geht auf A. Kertész zurück.
Grabsteine Georg Cantors und seiner Angehörigen auf dem Friedhof Giebichenstein an der Friedensstraße in Halle


5. Literatur


Autoren: M.Goebel, Ka.Richter, Ku.Richter, S.Sauter, 15. Nov. 1997
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optstoch@, 24. Febr. 1997, © goma