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Heinrich Wilhelm Ewald Jung (1876-1953)

H. W. E. JUNG wirkte von 1920 bis 1951 als ordentlicher Professor für Mathematik an der Universität Halle. Er war einer der Direktoren des Mathematischen Seminars, zweimal Dekan der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät und Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher (Leopoldina).

Sein wissenschaftliches Hauptarbeitsgebiet war die arithmetische Theorie der algebraischen Funktionen von zwei Veränderlichen.

Das Porträt entstand 1950 oder 1951.

  1. Leben und Werk
  2. Schriftenverzeichnis
  3. Doktoranden und ihre Dissertationen
H. W. E. Jung, 
1950 oder 1951

1. Leben und Werk

Heinrich Wilhelm Ewald JUNG wurde am 4. Mai 1876 als Sohn des Bergrats Wilhelm JUNG in Essen geboren. Er studierte von 1895 bis 1899 Mathematik, Physik und Chemie in Marburg und Berlin. Seine Lehrer waren u.a. F. SCHOTTKY, K. HENSEL, L. FUCHS, G. FROBENIUS, H. A. SCHWARZ und M. PLANCK. Von besonderem Einfluß auf seine Entwicklung waren vor allem HENSEL in Berlin und SCHOTTKY in Marburg. Angeregt durch den letzteren, promovierte er 1899 mit der Dissertation "Über die kleinste Kugel, die eine räumliche Figur einschließt" und legte im selben Jahr die Prüfung für das höhere Lehramt ab. Schon 1902 habilitierte er sich in Marburg, wo er als Privatdozent bis 1908 blieb. Bis zu seiner 1913 erfolgten Berufung als Ordinarius nach Kiel war er Oberlehrer (Studienrat) in Hamburg. Einer kurzen Zeit Kriegsdienst folgte 1918 eine Berufung an die Universität Dorpat. 1920 wurde er Nachfolger von A. WANGERIN an der Universität Halle, wo er bis zu seiner Emeritierung 1948 blieb. Danach hielt er aber noch Vorlesungen bis 1951.

JUNG hat die Ergebnisse seiner mathematischen Arbeit in 61 Veröffentlichungen niedergelegt. Hauptsächlich befassen sich diese mit der arithmetischen Theorie der algebraischen Funktionen von zwei Veränderlichen, mit den Integralen und Thetafunktionen algebraischer Funktionenkörper einer Veränderlichen und mit Punktsystemen in der Ebene und im Raum.

Das letztgenannte Gebiet beschäftigt ihn in seiner Dissertation. Er bestimmt dort u.a. eine (n-1)-dimensionale Kugel von möglichst kleinem Durchmesser so, daß sie ein gegebenes Punktsystem im n-dimensionalen Raum einschließt, und berechnet dann den Halbmesser einer möglichst kleinen (n-1)-dimensionalen Kugel, in die man alle Punktsysteme des n-dimensionalen Raumes vom Durchmesser 1 hineinlegen kann. Für den Fall des zwei- und drei-dimensionalen Raumes lassen sich diese Aufgaben geometrisch lösen. JUNG formuliert sie analytisch und führt sie auf algebraische zurück. Es wird eine konstruktive Methode angegeben, nach der man die Aufgaben immer lösen kann (Jungscher Satz).

Unter dem Einfluß von SCHOTTKY und gemeinsam mit ihm führt JUNG die Theorie der allgemeinen Thetafunktionen weiter.

Die große Leistung seines Lebens, die man überall in der Welt mit dem Namen JUNG verband, ist aber die von ihm geschaffene Theorie der algebraischen Funktionen von zwei Veränderlichen. Sie baut sich auf der grundlegenden Arbeit über die Uniformisierung der algebraischen Funktionen von zwei Veränderlichen in der Umgebung einer Stelle x=a, y=b auf (11). In der Arbeit (12) definiert er dann den Begriff des Primteilers durch homomorphe Abbildung des Körpers der algebraischen Funktionen von zwei Veränderlichen auf einen Körper der algebraischen Funktionen einer Veränderlichen. Dieser in Anlehnung an HENSEL geschaffene Begriff läßt eine strenge Beweisführung von Sätzen über algebraische Flächen (z.B. den Riemann-Rochschen Satz) zu, die schon früher mit anschaulichen Methoden gefunden, aber nur für die einfachsten Fälle bewiesen worden waren. Besondere Bedeutung erlangten seine Untersuchungen über birationale Transformationen (z.B. über die Zusammensetzung von Cremona-Transformationen, i. bes. der ganzen Cremona-Transformationen).

Eine zusammenfassende Darstellung der Anwendung seiner Methoden auf die Theorie der algebraischen Flächen findet sich in seinem 1925 erschienenen Buch (40). In einem zweiten, 1951 publizierten Buch (61) werden die arithmetisch-funktionentheoretischen Arbeiten zusammengefaßt. JUNGs Methoden stellen eine sehr glückliche Synthese zwischen abstrakter Fassung der Begriffe und Sätze, wodurch deren Allgemeingültigkeit gesichert wird, und einer Durcharbeitung zu einer handlichen Form dar, die auf ihre Anwendung im konkreten Fall hinzielt. So sind auch seine Arbeiten und Bücher mit sorgfältig ausgewählten, instruktiven Beispielen durchsetzt, die sich mit seinen Methoden durchrechnen lassen.

Heinrich Wilhelm Ewald JUNG war einer der Menschen, die den Ruf des deutschen Gelehrten zu Ehren gebracht haben. Persönlich bescheiden, trat er hinter seinem Werk zurück. Er war nicht nur ein vorzüglicher Kenner seiner Arbeitsgebiete, sondern er überblickte auch die anderen mathematischen Disziplinen, wie seine Vorlesungen und Seminare bezeugen. Diese zeichneten sich durch größte Klarheit und Übersichtlichkeit aus und wurden von den Studenten gern besucht. In seinem Nachlaß fand sich ein Manuskript mit durchgerechneten Aufgaben zur Mechanik, das von seinem Interesse auch für die angewandte Mathematik Zeugnis ablegt. Seine außerordentliche Geschicklichkeit im Rechnen war bei den Studenten bekannt, und er sorgte auch dafür, daß sie sich im Rechnen übten. Seinen Zuhörern gab er ein lebendiges Beispiel der Liebe zur Mathematik und der Ehrfurcht vor ihren Meistern.

 


2. Schriftenverzeichnis

  1. Über die kleinste Kugel, die eine räumliche Figur einschließt
    Dissertation Marburg 1899, abgedruckt in J. reine angew. Math. 123 (1901), 241-257

  2. Die Wurzelfunktionen in dem durch die Gleichung G(p, q)=0 vom Range 2 und durch die Gleichung z = H(p, q) definierten algebraischen Körper K (p, q)
    Habilitationsschrift Marburg 1902

  3. Arithmetischer Beweis eines Satzes über den Grad der Eliminante zweier ganzer Funktionen zweier Veränderlicher
    J. reine angew. Math. 125 (1903), 293-298

  4. Über Thetafunktionen, die nicht zur Riemannschen Klasse gehören
    J. reine angew. Math. 126 (1903), 1-51. Der erste Teil diente als Habilitationsschrift.

  5. Über die Transformation algebraischer Körper vom Range 1
    J. reine angew. Math. 127 (1904), 103-115

  6. Über die Perioden der reduzierten Integrale erster Gattung.
    Sitzungsber. Akad. Berlin 1904, 1381-1385

  7. Ein Satz über Thetafunktionen
    J. reine angew. Math. 128 (1905), 78-86

  8. Spezielle Thetafunktionen von 4 Veränderlichen
    J. reine angew. Math. 130 (1905), 1-25

  9. Die allgemeinen Thetafunktionen von 4 Veränderlichen
    Sitzungsber. Akad. Berlin 1905, 484-503

  10. Über die Lage der Hauptträgheitsachsen von Punktsystemen in der Ebene
    Archiv Math. und Phys., 3. Reihe, 13 (1908), 231-232

  11. Darstellung der Funktionen eines algebraischen Körpers zweier unabhängiger Veränderlicher x, y in der Umgebung einer Stelle x = a, y = b
    J. reine angew. Math. 133 (1908), 289-314

  12. Primteiler algebraischer Funktionen zweier unabhängiger Veränderlichen und ihr Verhalten bei birationalen Transformationen
    Rend. Circ. mat. Palermo 26 (1908), 113-127

  13. Sur les fonctions algébriques de deux variables
    C. R. Acad. Sci. Paris 147 (1908), 174-176

  14. Kurvenscharen in einer Ebene
    J. reine angew. Math. 134 (1908), 167-186

  15. Der Riemann-Rochsche Satz für algebraische Funktionen zweier Veränderlichen
    Jber. Dtsch. Math. Vereinig. 18 (1909), 267-339

  16. Neue Sätze über Symmetralfunktionen und die Abelschen Funktionen der Riemannschen Theorie (mit F. Schottky)
    Sitzungsber. Akad. Berlin 1. Mitteilung 1909, 282-297, 2. Mitteilung 1909, 732-750, 3. Mitteilung 1912, 1002-1011

  17. Über Punktsysteme in der Ebene
    Mitt. Math. Ges. Hamburg 4 (1910), 457-461

  18. Über den kleinsten Kreis, der eine ebene Figur einschließt
    J. reine angew. Math. 137 (1910), 310-313

  19. Zur Theorie der algebraischen Flächen. Berichtigung zur vorigen Arbeit. [Gemeint ist die Arbeit (14)].
    Jber. Dtsch. Math. Vereinig. 19 (1910), 172-176

  20. Über den Doppelkurvendivisor einer algebraischen Fläche
    Jber. Dtsch. Math. Vereinig. 19 (1910), 199-224

  21. Zur Theorie der Kurvenscharen auf einer algebraischen Fläche
    J. reine angew. Math. 138 (1910), 77- 95

  22. Über die Cremonasche Transformation der Ebene
    J. reine angew. Math. 138 (1910), 255-318

  23. Über das numerische Geschlecht einer algebraischen Fläche
    Mitt. Math. Ges. Hamburg 5 (1911), 20-42

  24. Über die Zeuthen-Segresche Invariante
    Rend. Circ. mat. Palermo 34 (1912), 225-277

  25. Sur l'invariant de MM. Zeuthen et Segre
    C. R. Acad. Sci. Paris 154 (1912), 734-735

  26. Abhängigkeit des numerischen Geschlechts einer algebraischen Fläche von den Verzweigungskurven
    Mitt. Math. Ges. Hamburg 5 (1913), 82-102

  27. Über die ausgezeichneten Kurven algebraischer Flächen
    J. reine angew. Math. 142 (1913), 61-117

  28. Über die kanonische Klasse einer auf einer algebraischen Fläche liegenden algebraischen Kurve
    In: Schwarz-Festschrift, Berlin: 1914, 166-176

  29. Über das numerische Geschlecht
    Mitt. Math. Ges. Hamburg 5 (1916), 194-213

  30. Über algebraische Flächen
    J. reine angew. Math. 150 (1920), 47-78

  31. Über die Differentialinvarianten algebraischer Flächen
    Math. Z. 8 (1920), 183-221

  32. Arithmetische Theorie der algebraischen Funktionen zweier unabhängiger Veränderlicher
    In: Encyklopädie d. Math. Wiss. II, 3, Leipzig: 1921, 651-674

  33. Über Flächen mit einem Büschel rationaler Kurven
    Math. Ann. 82 (1921), 240-255

  34. Singuläre Punkte ebener algebraischer Kurven
    Math. Ann. 84 (1921), 161-201

  35. Kurven auf algebraischen Flächen
    Math. Z. 13 (1922), 189-201

  36. Ebene Schnitte und Berührungskegel einer algebraischen Fläche
    Math. Z. 13 (1922), 202-216

  37. Über die Rückkehr-, Wende- und Flachkurve, einer algebraischen Fläche
    Math. Z. 14 (1922), 1-34

  38. Über die Salmonschen Tangenten einer algebraischen Fläche
    J. reine angew. Math. 152 (1922), 11-29

  39. Einführung in die Theorie der algebraischen Funktionen einer Veränderlichen
    Berlin und Leipzig: de Gruyter 1923

  40. Algebraische Flächen
    Hannover: Helwingsche Verlagsbuchhandlung 1925

  41. Algebraische Funktionen und ihre Integrale
    In: Pascals Repertorium d. Höh. Math. I, 2, Leipzig: 1927, 849-888

  42. Thetafunktionen und die Abelschen Funktionen
    In: Pascals Repertorium d. Höh. Math. I, 2, Leipzig: 1927, 889-914

  43. Algebraische Funktionen zweier Veränderlicher
    J. reine angew. Math. 165 (1931), 128-158

  44. Algebraische Funktionen zweier Veränderlicher
    J. reine angew. Math. 167 (1931), 346-359

  45. Algebraische Funktionen zweier Veränderlicher
    J. reine angew. Math. 168 (1932), 131-169

  46. Algebraische Funktionen zweier Veränderlicher
    J. reine angew. Math. 169 (1933), 43-60

  47. Sui gruppi di punti sopra una superficie e sulla serie di Severi, dal punto di vista della teoria dei corpi algebraici
    Mem. Accad. Ital., Mat. 4 (1933), 403-413

  48. Das arithmetische Geschlecht
    Math. Z. 37 (1933), 342-355

  49. Einführung in die Zahlentheorie
    Leipzig: Jänicke 1935, 3. Aufl. 1952

  50. Einführung in die Theorie der quadratischen Zahlkörper
    Leipzig: Jänicke 1936

  51. Stellentransformation in algebraischen Körpern zweier Veränderlicher
    Acta math. 68 (1937), 7-69

  52. Zusammensetzung von Cremonatransformationen der Ebene aus quadratischen Transformationen
    J. reine angew. Math. 180 (1939), 97-109

  53. Zur Theorie der algebraischen Funktionen zweier Veränderlicher I (Divisorenklassen)
    J. reine angew Math. 180 (1939), 219-244

  54. Zur Theorie der algebraischen Funktionen zweier Veränder1icher II (Zusammenhang zwischen linearen Integralen zweiter und dritter Gattung).
    J. reine angew. Math. 181 (1939), 68-82

  55. Zur Theorie der algebraischen Funktionen zweier Veränderlicher III (über die Zahl d der Zeuthen-Segreschen Invariante)
    J. reine angew. Math. 181 (1939), 125-132

  56. Über ganze birationale Transformationen der Ebene
    J. reine angew. Math. 184 (1942), 161-174

  57. Rationale und halbrationale Doppelebenen
    J. reine angew. Math. 184 (1942), 199-237

  58. Matrizen und Determinanten
    Leipzig: Jänicke 1948, 3. Aufl. 1952

  59. Zwei merkwürdige Punkte des Dreiecks. Projektive und funktionentheoretische Ebene.
    Hallische Monographien 6 (1948), 3 und 4-8

  60. Die Geraden einer Fläche zweiter Ordnung
    Hallische Monographien 16 (1950), 23-29

  61. Einführung in die Theorie der algebraischen Funktionen zweier Veränderlicher
    Berlin: Akademie-Verlag 1951


3. Doktoranden und ihre Dissertationen

1915, Kiel Glause, Heinrich Geometrischer Beweis der Ergänzungssätze zum bikubischen Reziprozitätsgesetz
1915, Kiel Reimers, Max Hermann Zur Theorie der algebraischen Raumkurven und ihrer Tangentenflächen
1915, Kiel Perl, Andreas Über die singulären Punkte der algebraischen Flächen 3. Ordnung
1926 Buschmann, Fritz Die Transformation einer Gruppe ausgezeichneter Kurven 1. Art in einen gewöhnlichen Punkt
1927 Sander, Kurt Rationale Herstellung einer Normalbasis für die Vielfachen eines Divisors
1929 Kohl, Elsbeth Algebraische Korrespondenzen
1931 Johannes, Karl Untersuchung über die algebraische Struktur des Körpers der n-ten Teilwerte einer homogenen elliptischen Funktion nullter Dimension
1934 Kämmerer, Gerhard Das arithmetische Geschlecht in seiner Abhängigkeit von den Verzweigungskurven
1934 Oehlert, Martha Über die Definition der Zeuthen-Segreschen Invariante
1936 Hoppe, Albrecht Die Salmonschen Formeln
1936 Görner, Gerhard Kennzeichnung der halbrationalen Körper
1937 Lüddecke, Werner Beitrag zur Statik homogener Kreisplatten und Kreismembranen
1937 Dingel, Martin Über ebene Schnitte, die durch eine Gerade einer Fläche gehen
1938 Brühl, Gerhard Definition der Primteiler im rationalen Körper dreier unabhängiger Veränderlicher
1941 Leidheuser, Richard Wilhelm Grundbegriffe und Grundlagen der birationalen Transformation des Körpers der rationalen Funktionen dreier unabhängiger Veränderlicher
1942 Krüger, Anneliese Über die Verallgemeinerung der Zeuthen-Segreschen Invariante für Flächenbündel im 3-dimensionalen Raum
1953 Engel, Wolfgang Primteiler höherer Art im rationalen Funktionenkörper von n Veränderlichen und ihr Verhalten bei Cremona-Transformationen
1953,
Göttingen
Meinhard, Dietrich Endliche Gruppen birationaler Transformationen der Ebene und die isomorphen Gruppen der zugeordneten Matrizen

Die letzten beiden Promotionen hat H. JUNG zwar noch angeregt und auch teilweise betreut, an den abschließenden Promotionsverfahren war er aber nicht mehr beteiligt.

Die obigen Ausführungen basieren auf:

O.-H. Keller und W. Engel: Heinrich Wilhelm Ewald Jung,
Wiss. Z. Martin-Luther-Universität Halle 4, Heft 3 (1955), 417-422.

Der gleiche Artikel erschien (ohne Schriftenverzeichnis und Liste der Doktoranden) auch in: Jahresber. DMV 58 (1955), 5-10.


[ Inhaltsverzeichnis ] Autor: W. Engel, Rostock

optstoch@, 19. Febr. 1999 © goma